Was blüht denn da im Gleisbett? Ein Spaziergang im Natur-Park Südgelände

Wann immer ich an zugewucherten Brachflächen vorbeiradele oder mir beim Joggen der Duft von Kräutern in die Nase weht, stelle ich fest, dass ich erschreckend wenig darüber weiß, was da am Wegesrand grünt und blüht.

Als Teenager besaß ich einen Pflanzenführer, der es vom Format her mit meiner Konfirmandenbibel aufnehmen konnte. Eine entfernte Tante, die um meine botanische Bildung besorgt war, hatte mir den Klassiker aus dem Kosmos-Verlag geschenkt. Der Titel „Was blüht denn da?“ ist heute noch zu haben. Damals wirkte die etwas paternalistisch klingende Frage auf mich pubertierende Jugendliche alles andere als motivierend. Der Band verstaubte im Regal, bis er in irgendeiner Flohmarktkiste verschwand.

Daran musste ich denken, als ich kürzlich durch Zufall auf das schmale Büchlein „Berliner Pflanzen: Das wilde Grün der Großstadt“ stieß. Dieser Pflanzenführer schaffte es, mich neugierig zu machen. Nicht nur wegen seiner subversiven Fotos von Hanfblühten vor dem Kanzleramt und wildem Rucola in der Betonwüste am Leipziger Platz. Ich las mich auch fest in den kulturgeschichtlichen Abrissen über Berlins sumpfige Vergangenheit, die Reiserouten pflanzlicher „Neubürger“ oder den Gemüseanbau in öffentlichen Grünanlagen zur Nachkriegszeit. Sollte ich mit dem unterhaltsam geschriebenen, prall bebilderten Bändchen einen Neuanfang wagen? Gedacht, getan.

Alter Rangierbahnhof Tempelhof
Etwa zwei Kilometer lang und 200 Meter breit ist der Park am Südgelände. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Mit meinem neuen Begleiter in der Tasche mache ich mich auf zu meiner ersten botanischen Amateur-Expedition. Mein Versuchsobjekt: der Natur-Park Südgelände. Auf der knapp 18 Hektar großen Brache zwischen den S-Bahnstationen Südkreuz und Priesterweg befand sich seit den 1920er Jahren der Rangierbahnhof Tempelhof. Nach der Schließung des Anhalter Bahnhofs 1952 wurde die Anlage überflüssig und mit der Teilung Berlins versank das Gelände im Dornröschenschlaf. Die Natur eroberte die stillgelegten Gleise zurück. Dank einer Bürgerinitiative wurde das Gelände 1999 offiziell zum Park erklärt, ein Drittel der Fläche steht sogar unter Naturschutz und ist deshalb nur über Stahlstege begehbar.

Stahlstege
Um die sensible Flora zu schützen, werden die Besucher teilweise über Stege geführt. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Auf diesem Gleisfriedhof wuchert heute ein dschungelartiger Wald aus Birken, Pappeln, Ahorn und Robinien, dazwischen Trockenrasenflächen und Staudenfluren. Überall sind Relikte der alten Bahnanlage zu entdecken: Signalmasten, Bremsklötze, Pumpen, Weichen, Schwellen, eine alte Drehscheibe, sogar eine historische Dampflok. Schon aus der Ferne sieht man den rostigen Wasserturm mit seinem kugelförmigen Speicher über die Baumwipfel ragen. Außerdem hat eine Künstlergruppe auf dem Areal Objekte aus rostigem Stahl aufgestellt, darunter zwei Aussichtsplattformen.

Endstation Südpark. Foto: Kleine Fluchten Berlin
Endstation Südpark. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Es klingt paradox, aber gerade der Umstand, dass der schmale Parkstreifen regelrecht von S-Bahn-Trasse und ICE-Gleisen umklammert wird, hat dazu geführt, dass sich die Flora hier besonders üppig entwickeln konnte. Denn seit Jahrzehnten reisen Samen und Pflanzenreste als blinde Passagiere an S-Bahnwaggons und Zugabteilen aus dem Umland in die Stadt. Auf dem verlassenen Südgelände finden sie eine neue Heimat.

Ich betrete den Park am nördlichen Eingang und folge dem Pfad zwischen den Schienen. Wo früher Schotter unter den Sohlen geknirscht hätte, dämpft Rindenmulch die Schritte. Es ist herrlich kühl und schattig, Waldreben ranken die Bäume empor. Im Unterholz wuchern Brombeersträucher, deren zartrosa Blüten von Bienen umschwärmt sind. Vereinzelt reckt ein zottiges Kraut seine gelben Blütenköpfchen in die Höhe. Zeit für einen Praxistest. Ich zücke meinen Pflanzenführer und spiele Daumenkino. Doch die Bildmarken sind leider viel zu klein, um zu entscheiden: Ein Gold-Pippau? Ein seltenes Habichtskraut? Oder doch eher ein magerer Löwenzahn?

Kronennachtkerze
Im ersten Jahr blüht die Kronennachtkerze nicht, dafür bildet sie Wurzeln aus, die man essen kann. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Beim zweiten Versuch bin ich treffsicherer: Auf einer kleinen Wiese blühen hunderte majestätischer Kronennachtkerzen. Von meinem Pflanzenführer erfahre ich, dass sich ihre Blütenblätter täglich gegen 18 Uhr binnen weniger Minuten öffnen – so schnell wie bei keiner anderen Pflanze Mitteleuropas. Und dass man die Wurzeln der einjährigen Nachtkerze unbesorgt essen kann: geschält, geschabt und in Salzwasser gekocht sollen sie sogar schmackhaft sein. Geröstete Nachkerzensamen, weiß mein Guide, können als Kaffee-Ersatz dienen.

Sogar Walderdbeeren gedeihen im Unterholz. Foto: Kleine Fluchten Berlin
Sogar Walderdbeeren gedeihen im Unterholz. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt. Bei meinem botanischen Spaziergang entdecke ich wilden Wein, Ruprechtskraut, Steinklee, Sauerampfer, Greiskraut, Disteln, Wildrosen und Walderdbeeren. Über die meisten der 350 Pflanzenarten, die hier im Park gedeihen sollen, schweigt mein Ratgeber zwar, doch glücklicherweise ist die Parkverwaltung auf wissbegierige Spaziergänger wie mich eingestellt und hat Informationstafeln errichtet.

Wilder Wein
Im Herbst färben sich die Blätter des wilden Weins dunkelrot. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Nach drei Stunden Entdeckertour schwirrt mir der Kopf. Was ich mitnehme, ist die Erkenntnis, dass es in Berlin noch viel mehr wildes Grün gibt als gedacht – fast 2.200 Farn- und Blütenpflanzen sollen es laut Artenliste sein. Und dass sich genaues Hinschauen lohnt, weil die Pflanzen Erstaunliches über die Stadt und ihre Bewohner erzählen. Wer es ernst nimmt mit der Botanik, sollte vielleicht auf ein klassisches Bestimmungsbuch vertrauen. Mir hat das Büchlein „Berliner Pflanzen“ viel Spaß gemacht. Eine Empfehlung für alle, die sich nicht nur für das wilde Stadtgrün, sondern auch für die urbanen Geschichten dahinter interessieren.

In der alten Lokhalle am Eingang Priesterweg finden regelmäßig Kulturveranstaltungen statt, gemütlich Kaffee trinken kann man in der ehemaligen Brückenmeisterei. Wer sich die Pflanzen im Park lieber von einem Experten zeigen lassen möchte, kann eine der Führungen auf dem Südgelände besuchen.

Das Gelände ist  täglich von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet, der Eintritt kostet 1 Euro.

Natur-Park Südgelände, Haupteingang S-Bahnhof Priesterweg (auf Google-Maps)

Hin und weg: Mit der S-Bahnhof Priesterweg S2/S25 (Nordeingang vom S-Bahnhof Südkreuz erreichbar, ca. 15 Minuten Fußweg) 

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