Rüdersdorf: Ausflug zur Kathedrale des Kalks

Was haben das Brandenburger Tor und die Berliner Mauer gemeinsam? Sie sind aus dem gleichen Kalk gebaut. Und der stammt aus dem Tagebau in Rüdersdorf. Seit mehr als 750 Jahren wird hier Kalkstein gewonnen. „Unser Steinbruch ist ein Abdruck Berlins“, behaupten die Rüdersdorfer vollmundig. Und liegen damit gar nicht falsch. Denn ob im Auftrag preußischer Könige oder der DDR-Nomenklatura, über Jahrhunderte hinweg lieferte Rüdersdorf das Material für prominente Bauwerke in der Hauptstadt. Vor 20 Jahren wurde ein großer Teil der historischen Industrieanlage in einen Museumspark umgewandelt.

Schachtofenbatterie
„Kathedrale des Kalks“, so wird die Halle der „Schachtofenbatterie“ genannt. Heute finden auf dem Gelände des Museumsparks Kulturveranstaltungen statt. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Doch gleich hinter dem Parkeingang tut sich noch immer ein Riss in der Erde auf. Auf mehr als vier Kilometern Länge und knapp einem Kilometer Breite haben sich die Bagger in den mittelmärkischen Boden gefräst, bis zu 50 Meter unter den Meeresspiegel. Nur liegt das Zementwerk heute ein paar Kilometer weiter östlich, am Horizont ist es zu sehen. Vom Glockenturm an der Abbruchkante schauen wir auf die schmutzig weiße Grube hinunter, über der ein Dunstschleier klebt, und schmecken Kalkstaub auf der Zunge.

Kalksteinbruch Rüdersdorf
In Rüdersdorf bei Berlin liegt einer der größten Kalksteinbrüche Mitteleuropas. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Kaum zu glauben, dass Ausflüglern an dieser Belvedere noch bis 1975 ein idyllischer See zu Füßen lag. Der Heinitzsee, der nach dem Fluten des alten Steinbruchs um 1914 entstand, war nicht nur ein beliebtes Ziel für erholungssuchende Berliner, sondern wegen seiner schroffen Kalksteinfelsen auch eine gefragte Kulisse, die in den 20er und 30er Jahren Filmlegenden wie Ernst Lubitsch und Hans Albers nach Rüdersdorf lockte. Mitte der 70er Jahre musste der See dem Hunger der DDR-Baustoffindustrie weichen. Das Wasser wurde abgepumpt, der Tagebau weiter ausgebeutet.

Filmgeschichte schrieb übrigens auch das benachbarte Woltersdorf. Im Jahr 1914 gründete hier der österreichische Filmpionier Joe May seine Produktionsgesellschaft und drehte in der Region Stummfilmklassiker wie Das indische Grabmal oder Der Tiger von Eschnapur. Eine Ausstellung im Aussichtsturm auf dem Kranichsberg, den man über einen schönen Uferweg entlang des Kalksees erreicht, erzählt die fast vergessene Geschichte „Als Woltersdorf noch Hollywood war“.

Bis Anfang der 90er Jahre hatte Rüdersdorf einen Namen als staubigster Ort der DDR. Nach dem Krieg verlangte die sozialistische Planwirtschaft nach Kalk, Zement und Beton für den Bau von Wohnungen und Industriegebäuden. Drei Zementwerke wurden auf dem Gelände errichtet. Und Rüdersdorf verschwand unter einer weißen Staubschicht, die Straßen, Häuser und Natur verschluckte. Verglichen damit wirkt das Örtchen heute wie ein Luftkurort.

Industrieruine Rüdersdorf
Die Natur erobert die Industrieanlage zurück. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Wir schlendern weiter entlang der Abbruchkante. Büsche sprießen zwischen Tagebaurelikten: verwitterte Schilder, verbeulte Loren, ausrangierte Baumaschinen. Vorbei an Verwaltungsgebäuden und Unterkünften kommen wir an ein imposantes Steintor, das auch Überrest einer römischen Stadtmauer sein könnte, stünde daneben nicht ein rostiges Stahlviadukt mit Schaltkästen, Zahnrädern und Walzen. Der „Seilscheibenpfeiler“, ist auf einer der Tafeln zu lesen, diente früher als Aufzug. Mit Stahlseilen wurde der Kalkstein über Schienen aus dem Tagebau gezogen und zum Zementwerk transportiert.

Seilscheibenpfeiler
Pfeiler des ehemaligen Aufzugs, mit dem der Kalkstein aus dem Tagebau befördert wurde. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Hinter einem kleinen Wäldchen liegt sich das Herzstück des Museumsparks: die Schachtofenbatterie. Achtzehn bauchige Schornsteine ragen in den blauen Frühlingshimmel wie Türme eines Palasts – einleuchtend, dass die Ofenhalle darunter auch „Kathedrale des Kalks“ genannt wird.

Schachtofenbatterie
Die 18 Öfen der modernen Schachtofenbatterie konnten parallel befeuert werden. Bis 1967 wurde in diesen Öfen Branntkalk hergestellt. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Die Schachtofenbatterie löste im späten 19. Jahrhundert die achteckigen Rüdersdorfer Öfen ab, die im vorderen Parkabschnitt zu besichtigen sind, und markiert den Beginn der industriellen Produktion von Branntkalk, aus dem Kalksandstein hergestellt wird. Die Knochenarbeit wurde dadurch nicht weniger. Und weil sich oft nicht genügend freiwillige Arbeitskräfte dafür fanden, schickten die Nazis Zwangsarbeiter und die DDR Strafgefangene in den Tagebau.

Rumfordofen
Die Rumfordöfen, auch Rüdersdörfer Öfen genannt, waren bis 1867 in Betrieb. Später dienten sie als Behelfswohnungen. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Auf dem Rückweg zum Parkeingang laufen wir am Ufer des Straußberger Mühlenfließ entlang. Der Kanal ist einer der künstlich angelegten Wasserwege, auf denen der Kalkstein einst mit Lastkähnen aus dem Tagebau abtransportiert wurde. Viele dieser Kanäle wurden im Laufe der Zeit zugeschüttet, deshalb stehen das Bühlowkanal- und das Heinitzkanal-Portal heute auf dem Trockenen. Aber das könnte sich in Zukunft wieder ändern. Ab 2062 soll der Steinbruch in Rüdersdorf endgültig geflutet werden.

Tipp: Rundtour und Wanderung zur Kathedrale des Kalks (ca. 12. Kilometer)

Die Reise zur Kathedrale des Kalks lässt sich prima mit einem Besuch der Schleuse Woltersdorf am Kalksee und einer Wanderung mit Abstecher zum Aussichtsturm auf dem Kranichsberg verbinden.

Woltersdorf Schleuse
Die Schleuse Woltersdorf verbindet Kalksee und Falkensee. Am Fuß des Kranichsberg entspringt die „Liebesquelle“. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Vom S-Bahnhof Rahnsdorf aus zuckelt die Tram 87 seit über 100 Jahren durch den Köpenicker Forst bis an die Schleusenbrücke, von dort geht es zu Fuß weiter über die Liebesquelle zum Aussichtsturm am Kranichsberg. Zurück in Woltersdorf führt ein ruhiger, schattiger Wanderweg Richtung Nordosten am südlichen Ufer des Kalksees entlang bis nach Rüdersdorf. Am Abzweig zum Museumspark bringt die Tram 88 Besucher in gemächlichem Tempo zurück zum S-Bahnhof Friedrichshagen.

Tram 87
Die historische Tram 87 pendelt seit 100 Jahren zwischen Rahnsdorf und Woltersdorf durch den Köpenicker Forst. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Route auf Google-Maps

Hin und weg: Mit der S3 bis S-Bahnhof Rahnsdorf, von dort mit der Tram 87 bis Haltestelle Wolterdorf Schleuse, zurück ab Alt-Rüdersdorf, Haltestelle Heinitzstraße, bis S-Bahnhof Friedrichshagen (S3).

Museumspark Rüdersdorf: Heinitzstraße 41, 15562 Rüdersdorf bei Berlin, www.museumspark.de, Tel.: 03 36 38 / 79 97 – 0

Öffnungszeiten:
April bis Oktober täglich 10 bis 18 Uhr
November bis März täglich 10.30 Uhr bis 16 Uhr
Eintritt: 5 Euro

Führungen nach Voranmeldung unter:
Tel.: 03 36 38 – 79 97 97
E-Mail: kasse@museumspark-kulturhaus.de

Museumspark Rüderdorf
Bergbau in Rüdersdorf: am Eingang des Industriedenkmals. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

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