„Pfeif auf die Welt…“ – Genussradeln um die Potsdamer Havelseen

Sei ein gutes faules Tier,
Streck alle Viere weit von Dir.
Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt…

Ob es Albert Einstein geglückt ist, seinen Sohn mit diesen Zeilen ins elterliche Sommerhaus nach Caputh zu locken, wer weiß? Wir konnten der Einladung jedenfalls nicht widerstehen. Und haben bei der Gelegenheit gleich eine Genussrunde um die Potsdamer Havelseen gedreht.

Schwielowsee
Der Radfernweg F1 führt nah am Ufer der Potsdamer Havelseen entlang. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Als die Reifen hinter der Templiner Vorstadt auf dem Radfernweg F1 schnurren, fällt uns das Pfeifen nicht mehr schwer. Die flache Strecke um die Havelseen südwestlich der Landeshauptstadt verläuft fast immer nah am Ufer, schlenkert durch Mischwald und Schilfgürtel, vorbei an Schlössern und Gärten. Gelegenheiten, die Tour nicht unnötig in Sport ausarten zu lassen, gibt es reichlich.

Vom Bahnhof in Potsdam radelt man knapp eine halbe Stunde nach Caputh, das bis heute von seinem Ruf als Sommeridyll des genialen Physikers zehrt. Am Ortseingang strampeln wir – von wegen faul – einen steilen Hang bis zum Waldrand hinauf und stehen unvermittelt vor einem dunkelrot gestrichenen Holzhaus mit weißen Fensterläden. Von 1929 bis 1932 verbrachte Einstein hier mehrere Wochen im Jahr, bevor er 1933 vor den Nazis in die USA floh. Mit einem Sommerhaus am See hatte die Stadt Berlin seinen prominenten Bewohner eigentlich zum 50. Geburtstag beschenken wollen. Doch daraus wurde nichts. Es fand sich kein passendes Grundstück, bis der Physiker schließlich entnervt selbst in die Tasche griff. Und eine gute Wahl traf. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie Einstein den Ausblick von seiner Terrasse über den Templiner See genoss.

Einstein-Haus
Sommerhaus später – Mit Einstein nach Caputh flüchten. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Unten im Dorf thront das Barockschloss Caputh, umrahmt von einen wilden Park, der nach Plänen des preußischen Landschaftsgärtners Peter Joseph Lenné gestaltet wurde und sich bis zum Seeufer zieht. Spätestens hier ist es höchste Zeit, den Sommerfrischler Einstein beim Wort zu nehmen und sich eine Pause auf der Parkbank mit Seeblick zu gönnen.

Schloss Caputh
Hat schon Theodor Fontane bei seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beeindruckt: Schloss Caputh. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Unweit von hier, am „Caputher Gemünde“, verjüngt sich der Templiner See und geht in den Schwielowsee über. Wer übers gepflegte Faulenzen die Zeit verbummelt hat, kann die Tour hier abkürzen und am westlichen Ufer zurück nach Potsdam radeln. Aber auch wer sich für die Weiterfahrt nach Südwesten entscheidet, muss nicht lange im Fahrradsattel aushalten. Keine halbe Stunde entfernt, am Ausgang von Ferch, wartet ein anderer Ort der Entspannung.

Hinter einer unscheinbaren Hofeinfahrt liegt der gerade wiedereröffnete Japanische Bonsaigarten, ein Musterbeispiel asiatischer Gartenbaukunst. Auf dem hell gekiesten Pfad schlendern wir durch die kunstvoll arrangierte Anlage, in der Zierkirschen und japanischer Ahorn zwischen Kiefern und Azaleen gedeihen. Bonsai in allen Größen, Formen und Farben stehen auf hüfthohen Podesten und wetteifern um das Staunen der Besucher.

Bonsaigarten Ferch
Bonsai: Ein Stück Asien in Brandenburg. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

In einem Teich ziehen fette Koi träge ihre Runden. Trittsichere balancieren auf einem Pfad aus runden Steinsockeln, die an Seerosenblätter erinnern, übers Wasser. Im Zentrum ruht ein offener Teepavillon mit schwungvollem Pagodendach. Von seiner schmalen Terrasse aus wirkt die asiatische Gartenlandschaft wie ein magisches Kalenderbild.

Bonsaigarten Ferch
Fremde Welt: Japanische Steinlaternen im Bonsaigarten Ferch. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Zurück auf dem Radweg geht es weiter in Richtung Petzow. Ein verwittertes Steintor markiert die Einfahrt in den Schlossgarten Petzow, auch dieser eine „Schöpfung Lennés“, schwärmte Fontane, aber ungleich größer als der Caputher Park. Unter den alten Eichen mit Blick auf den Schwielowsee döst es sich wunderbar. Im Rücken das romantisch verfallene Herrenhaus, das kürzlich an eine privaten Investor verkauft wurde und jetzt auf den Umbau zum Luxusquartier wartet. Bis es soweit ist, dürfen sich die Besucher auf dem Gelände ein eigenes Königreich herbeiträumen.

Schloss Petzow
Schloss Petzow: Heute Märchenschloss – morgen Luxuswohnungen. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Kurz hinter Petzow biegen wir scharf nach Westen ab und erreichen nach wenigen Kilometern auf der Hauptstraße die mittelalterliche Altstadt von Werder. Die Insel in der Havel war die Keimzelle der heutigen „Blütenstadt“, die bei Berlinern vor allem für ihr Obst bekannt ist. Zum Baumblütenfest Ende April schieben sich Hunderttausende durch die engen Gassen, an anderen Tagen lädt die Linde auf dem Dorfplatz zu einer ausgedehnten Pause ein.

Werder
Beschaulich – wenn nicht gerade Baumblütenfest gefeiert wird in Werder. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

An der alten Bahnbrücke nördlich der Insel überqueren wir den Großen Zernsee und folgen der Havel unterhalb des Wildparks durch Villenviertel und schattigen Laubwald zurück nach Potsdam. Mein Begleiter hat noch immer ein Pfeifen auf den Lippen. Ich übrigens auch.

Rundtour von Potsdam um Templiner See und Schwielowsee mit einem Abstecher nach Werder (ca. 50 Kilometer), Route auf Google-Maps

Hin und weg: Mit der Regionalbahn RE 1 von Berlin-Ostbahnhof alle 20 Minuten nach Potsdam, alternativ mit der S7 oder S1.

Stimmungsvolle Fotos gibt’s bei Jana von Sonne & Wolken zu sehen, die den Rundweg Anfang März in umgekehrter Richtung gefahren ist.

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