Auf Kranich-Safari an den Linumer Teichen

Kraniche sind scheue Tiere, schon in der Antike galten die eleganten Schreitvögel als Symbol für Wachsamkeit. Wer ihnen aufs Federkleid rücken will, muss Geduld und eine gute Tarnung mitbringen. So wie Dietmar Damschen. Jahrelang begleitete der Naturfotograf Kraniche auf ihrem Zug von Skandinavien bis in die spanischen Winterquartiere. Seine atemberaubenden Fotos zeigt er dieser Tage in der NABU Storchenschmiede Linum, begleitet von einem unterhaltsamen Vortrag über bitterkalte Nächte in winzigen Schutzhütten und klammen Tarnzelten.

Kranich
Wer dem Vogel des Glücks so nah kommen will, braucht eine gute Tarnung – oder muss die Ausstellung in der Storchenschmiede besuchen. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Preisgekrönte Kranichfotos, schön und gut. Aber schließlich sind wir nach Linum gekommen, um die Großvögel mit der charakteristischen Federschleppe in freier Wildbahn zu beobachten. 93.300 Tiere sollen es nach aktuellen Zählungen des NABU sein, die gerade an den Linumer Teichen nordwestlich von Berlin campieren – Rekordbelegung. Alljährlich im Frühjahr und im Herbst sammeln sich die Kranichfamilien im Oberen Rhinluch, dem größten Rastplatz Europas, bevor sie, je nach Jahreszeit, ihre Reise nach Norden oder Süden fortsetzen. In Linum finden sie sichere Schlafplätze im Flachwasser und eine volle Speisekammer auf den abgeernteten Maisfeldern in der Nachbarschaft. Ideale Bedingungen, um sich körpereigenen Reiseproviant anzufuttern.

Linumer Teiche
Das flache Wasser der Linumer Teiche bietet Kranichen einen sicheren Schlafplatz und ist auch sonst ein Vogelparadies. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Während der Rast von Anfang Oktober bis Mitte November folgen die Kraniche einem täglichen Ritual: Im Morgengrauen steigen sie gemeinsam von den Teichen auf und verteilen sich auf die umliegenden Felder, um nach Futter zu suchen. Und bei Sonnenuntergang sammeln sie sich wieder auf den Luchwiesen, bevor sie an ihren Schlafplatz zurückkehren. Der Zug der Kraniche lockt regelmäßig Vogelliebhaber aus der ganzen Welt auf den Darß, an die Müritz oder eben nach Linum.

NABU-Stützpunkt Storchenschmiede
Der NABU-Stützpunkt in Linum bietet Führungen an und informiert in einer Ausstellung über den Kranichzug. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Unsere Safari beginnt im Schlafzimmer der Kraniche. Bei der Ankunft am frühen Mittag haben selbst die ärgsten Langschläfer ihr Wasserbett verlassen. Stellvertretend geben Hundertschaften von nordischen Wildgänsen ein Gratiskonzert. Um diese Zeit haben sie die schilfgesäumte Teichlandschaft, die sich wie ein Flickenteppich über 240 Hektar Fläche erstreckt, fest im Griff. Sie kreisen über dem Wasser, landen mit ausgebreiteten Flügeln, orchestriert von aufgeregtem Geschnatter, trinken, baden, putzen ihr Gefieder – allein das ein Spektakel für sich.

Wir schließen uns der Karawane von Hobbyornithologen und Naturfotografen an, die sich in kleinen Pulks entlang der Ausfallstraßen des brandenburgischen Straßendorfs postieren. Stative, auf denen armdicke Spektive ruhen, stehen an den Feldrändern Spalier. Männer und Frauen in wetterfester Kleidung fachsimpeln über Kopfzeichnung, Lebendgewicht und Erkennungsrufe. Mit bloßem Auge erkennen wir kaum mehr als einen grauen Streifen am Horizont, erst durch das Fernglas gewinnen die Vögel Kontur. Hunderte, vielleicht Tausende drängen sich dicht an dicht, die Köpfe zum Ackerboden gesenkt. Hin und wieder breitet einer die Flügel aus, die leicht eine Spannweite von 2,50 Meter erreichen können. Das Rauschen der Autobahn lässt die Vögel kalt, aber sobald sich im Umkreis von 300 Metern etwas Ungewöhnliches regt, schießen die filigranen Hälse empor und die Kraniche stoßen laute Warnrufe aus.

In der Abenddämmerung ziehen wir zum Beobachtungspunkt am Hütungsluch um. Aus den Wiesen und Gräben steigt ungemütliche Feuchtigkeit. Angestrengt suchen wir den Abendhimmel ab. Langsam kriecht uns die Kälte in die Füße, Finger und Nacken werden steif. Endlich der erlösende Ruf: Sie kommen! Am Horizont tauchen die ersten pfeilförmigen Formationen auf und wenige Minuten später ist Luft vom Trompeten der Kraniche erfüllt.

Kranichflug
Kraniche in der chrakteristischen Pfeilformation. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Erst vereinzelt, dann in einem stetig anschwellenden Strom schwärmen die Tiere zum Vorsammelplatz, ziehen mit majestätischem Flügelschlag weite Kreise über unsere Köpfe, schrauben sich elegant im Sinkflug auf die Luchwiese hinab, ein faszinierendes Schauspiel, das Stunden dauern kann. Vor unseren Augen ein einziges Tanzen, Schreiten, Gleiten, das sich langsam in Dunkelheit auflöst. An diesem Abend begleiten uns die Rufe der Kraniche bis in den Schlaf – vielleicht nennt man sie auch deshalb „Vögel des Glücks“.

 

Hin und weg: Linum liegt etwa 60 Kilometer nordwestlich von Berlin an der Autobahn A24 in Richtung Hamburg. Während des Kranichzugs bietet der NABU Führungen an und sammelt Interessierte, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, am S-Bahnhof Birkenwerder ein.

Termine: Der Fotovortrag „Unterwegs mit Kranichen – eine fotografische Reise durch Europa“ von und mit dem „Naturfotografen des Jahres 2007“ Dieter Damschen ist noch bis Anfang November jeweils an den Wochenenden zu sehen.

Einen wunderschönen Bericht zum Birdwatching im Müritz-Nationalpark findet ihr übrigens bei puriy.de Mein erstes Mal Birdwatching: Auf den Spuren der Vögel des Glücks

 

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