Glindower Alpen – von Ziegels Gnaden
Wer hätte gedacht, dass eine Abraumhalde so romantisch sein kann? Den Glindower Alpen nahe der Havelstadt Werder sieht man ihre industrielle Vergangenheit nicht an. Stattdessen grünes, zügelloses Dickicht, verschlungene Pfade durch wilde Schluchten und eine erstaunliche Vielfalt an üppigen Laubbäumen, die in Brandenburg ihresgleichen sucht.

Ton ohne Steine und Scherben
Das alles gäbe es nicht, wenn nicht Zisterziensermönche aus dem nahe gelegenen Kloster Lehnin im 15. Jahrhundert die glorreiche Idee gehabt wären, den Ton in Glindow abzubauen. Sie legten damit den Grundstein für eine ganze Industrie, die Ende des 19. Jahrhunderts mit neun lokalen Ziegeleien ihre Blütezeit erlebte. Die wertvolle Ressource, die sich schon im Ortsnamen „Glina“- slawisch für Lehm – widerspiegelt, wurde zu den typisch gelben Klinkern gebrannt, die das Stadtbild vieler Orte in der Mark Brandenburg prägen. Ein Großteil wurde per Lastkahn nach Berlin geschafft, jährlich 16 Millionen Ziegel.



Von der Industriebrache zum Naturschutzgebiet
Um an den Ton zu gelangen, musste eine meterdicke Sandschicht abgetragen und an anderer Stelle aufgeschüttet werden. So entstand auf einem Gelände von rund 120 Hektar das markante Rippenrelief. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 kam der Tonabbau in den Glindower Alpen zum Erliegen. Die Abraumhalden wurden sich selbst überlassen. In den künstlichen Tälern bildeten sich über die Jahrzehnte hinweg schattige Schlucht- und Hangwälder, kleine Gewässer und sandige Trockenflächen – ein Lebensraum für zahlreiche spezialisierte Tier- und Pflanzenarten. Seit 1995 steht das Gelände unter Naturschutz und ist ein beliebtes Ausflugsziel.
Urwaldfeeling in Brandenburg
Die Ziegelei-Tradition ist in den Glindower Alpen bis heute lebendig. Gleich am Einstieg in der Alpenstraße laden die Keramischen Werkstätten zu einem Besuch ein. Gut einen Kilometer weiter befindet sich das Ziegeleimuseum Glindow in einem achteckigen, ockergelben Ziegelturm. Neben einer Dauerausstellung bietet es auch Führungen zum „Hoffmannschen Ringofen“ der historischen Ziegelei an, in der noch heute Ziegelsteine produziert werden. Doch vorher unternehmen wir noch einen Abstecher zum Belvedere, von wo aus man einen Blick auf den Glindower See erhaschen kann.



Hinter dem Parkplatz der Ziegelei verschwindet der Pfad im Wald. Wir kraxeln über steile Holztreppen, balancieren am Grund einer Schlucht über einen verwitterten Holzsteg und schliddern zu einem alten Grubenteich hinunter. Über uns strotzen Ahorn, Buchen und Robinien nur so vor Kraft, am Wegrand funkeln die Blüten der Berberitze.



Schlossromantik mit einem Schuss Schauer
Am Rand der Alpen duftet es nach Sand, Kiefer und Roggen. Wir sind wieder in im vertrauten Brandenburg angekommen. Zwischen Feldern wandern wir runter nach Petzow. Das kleine Dorf wird vom einstigen Herrensitz der Familie von Kaehne dominiert. Das märchenhafte Schinkelschloss in Ockergelb ist heute eine private Wohnanlage. Doch der von Peter Joseph Lenné gestaltete Schlosspark ist öffentlich zugänglich.




Eine Schautafel und ein Gedenkstein am Südufer des Haussees erinnert an die unrühmliche Vergangenheit des Gutsbesitzers und strammen Nazis Karl von Kaehne, der 1943 auf seinem Grundstück den Ingenieur und Widerstandskämpfer Alfred Mehlhemmer unter nie geklärten Umständen erschoss. Auf einer kleinen Anhöhe wacht Parkschöpfer Lenné in Form einer Büste über das Gelingen seines Werks.
Picknick mit Seeblick
Bevor wir den Rückweg nach Glindow antreten, machen wir noch kurz an der Dorfkirche Petzow Halt. Auch sie ist ein imposanter Schinkelbau, dessen Turm an Wochenenden sogar zu besteigen ist. Weil wir bis hierher aus dem Staunen nicht herausgekommen sind, legen wir ein Stück weiter am Strand des Glindower Sees ein ausgedehntes Picknick ein. Boote juchteln schläfrig über das Wasser, irgendwo bellt ein Hund.
Bis zum Ziegeleimuseum geht es jetzt immer am Ufer entlang. Bei wärmeren Temperaturen wird man sich hier auf Mückenbegleitung einstellen müssen. Wer sich die Plagegeister ersparen möchte, kann vom Anleger am Schloss den Dampfer nach Potsdam nehmen. Wir kehren zu Haltestelle in Glindow zurück, von wo aus alle halbe Stunde ein Bus nach Werder fährt.

Hin und weg: Mit dem RE1 nach Werder, alle halbe Stunde mit Bus 641 oder 633 nach Glindow Alpenstraße, von dort sind es gut ein Kilometer bis zur Ziegelei, auf dem Weg dahin lohnt der Abstecher zum Belvedere
Strecke: Der Rundwanderweg verläuft ganz überwiegend auf naturbelassenen Wald- und Feldwegen. In Glindow und in Petzow auf wenigen Straßenabschnitten. Länge (mit Abstecher zum Belvedere): ca. 11 Kilometer. Tour auf