Wildes Leben am OstX

Seine schlanke Silhouette ragt weithin sichtbar über die Rummelsburger Bucht. Ein Dach wie eine Pickelhaube aus Kaisers Zeiten. Der Bahnhof Ostkreuz, ein Albtraum aus Glas, Stahl und Beton, liegt ihm zu Füßen. Da steht er, der alte Wasserturm, unbeeindruckt von S-Bahnen, Güterzügen und dem Regio, die im Minutentakt um sein massives Standbein zischeln.

Ich sehe ihn jeden Tag, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe. Und hätte nie vermutet, das gleich dahinter ein wildes Naturidyll entstanden ist. Seit knapp zwei Jahren betreiben Dunja und Lothar Zech auf einer Bahnbrache neben dem größten Drehkreuz Berlins die Lebendige Stadtgärtnerei, eine kleine Naturgarten-Oase.

Ein Naturgarten mitten in der Betonwüste

Zwischen Naturteich, Senkgarten, Totholzhecke und Käferburg lässt es sich vortrefflich Ostmost schlürfen und den Bienen bei der Arbeit zusehen. Es plätschert, zschirpt und summt – wenn man die Augen schließt, kann man sich einbilden, auf einer Wildblumenwiese zu liegen. Ganz so romantisch ist es bei Licht besehen nicht. Unter den Schuhsohlen knirscht recycelter Schotter und hinter dem Bauzaun vibriert die Stadt.

Trotzdem lümmelt es sich auf den bunt zusammengewürfelten Bänken und Stühlen im Naturgarten-Café hinter dem schwarzen Verkaufscontainer extrem gemütlich. Dunja serviert Blechkuchen mit selbst gepflückten Brombeeren vom Bahndamm, während draußen der Verkehr brandet.

Von unserem Tisch unter dem leuchtend roten Sonnenschirm haben wir einen Premiumblick auf den Naturteich, der langsam einzuwachsen beginnt. Im Sandarium daneben buddeln die Wildbienen ihre Nester.

Heimische Stauden und frische Kräuter

Dunja und Lothar, beide im quietschorangen T-Shirt, steht die Leidenschaft für ihren Garten ins Gesicht geschrieben. Er, Schreiner mit Architekturstudium, kümmert sich um den landschaftsgärtnerischen Part. Sie, gelernte Hotelfachfrau, schmeißt das Café und ist für die Kommunikation zuständig. Zusammen sind sie ein eingespieltes Paar.

Die Stadtgärtnerei am Ostkreuz ist nicht ihr erstes Projekt. Doch ihr Naturgarten auf dem RAW-Gelände musste 2024 Bauarbeiten weichen. Bevor die beiden aus Heidelberg nach Berlin kamen, verdiente Lothar seine Brötchen 15 Jahre lang mit biologischer Landwirtschaft.

Am Ostkreuz wollen sie einen Ort schaffen, der Stadtmenschen ein Naturerlebnis bietet, aber auch Lust aufs eigene Gärtnern macht – ob auf dem Balkon, im Kleingarten oder im Hinterhof. Deshalb geben sie ihr Wissen gerne weiter und zeigen in Workshops, wie man Trockenmauern schichtet oder Lehmöfen und Insektenhotels baut.

Leben tun sie unter anderem vom Verkauf ihrer heimischen Wildstauden und der über 90 verschiedenen Kräutersorten, die es auf dem Gelände zu kaufen gibt. Daneben engagieren sie sich für die naturnahe Gestaltung öffentlicher Grünflächen: Parkplätze entsiegeln, Baumscheiben anlegen, Verkehrsinseln begrünen. Um ein bisschen wildes Leben in die Stadt zurückzubringen. Nicht nur am Ostkreuz.

Die Natur ist keine Idylle (taz vom 11.7.2026)

Lebendigen Stadtgärtnerei.

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