Rennsteig-Supermarathon – einmal für immer

Läufer lieben Ziele. Erfolge, messbar in Kilometern, Zeiten und Medaillen. Wir sind so einfach gestrickt. Wozu sonst schnüren wir jeden Tag die Laufschuhe? Bei mir war es der Rennsteig, der mich lange umgetrieben hat: 73,9 Kilometer, 3.000 Meter Höhendifferenz, einmal über den legendären Kammweg im Thüringer Wald.

Die Latte lag hoch: Schließlich bin ich im Flachland geboren, meine Hausstrecke ist der Berliner Plänterwald – nicht die besten Voraussetzungen für einen Mittelgebirgs-Crosslauf. Wer Bergtrails gewohnt ist, der mag sich leichter tun. Obwohl ich seit 2017 eisern Kilometer fresse, musste ich im letzten Jahr noch den Not-Stopp wählen. Nach 54,4 Kilometern war für mich am offiziellen Ausstieg Grenzadler in Oberhof Schluss. Immerhin, der erste Ultra meines Lebens. In diesem Jahr wollte ich die Heimreise nicht ohne Finisher-Shirt antreten.

Der Hubschrauber ist schon da… Vor dem Start auf dem Marktplatz in Eisenach. Foto: Kleine Fluchten Berlin

Supermarathon – kann das jede(r)?

Wer gerne seine komplette Freizeit in Laufschuhen verbringt, weder Knie, Rücken, Hüfte, Achillessehne oder sonstige Malaisen hat, sich eines uneingeschränkt toleranten familiären Umfelds und treuen Freundeskreises erfreut: ja! Geduld vorausgesetzt. Ich bin langjährige Hobbyläuferin mit fast 20 Marathons in den Beinen und habe letztlich zwei Jahre Vorbereitung gebraucht.

Sind Rennsteigläufer also alles Leistungssportler oder Masochisten? Auch. Aber vor allem sind es leidenschaftliche Läuferinnen und Läufer. Menschen, die lieber sich selbst als andere scheuchen, die schon mal bunte Ringelsocken, Pappnase oder Sandaletten tragen, weil sie sich freuen, wenn das Publikum an der Strecke johlt. Die vor dem Startschuss schunkeln und im Ziel Pipi in den Augen haben. Und die sich am liebsten bei jedem Ehrenamtlichen per Handschlag bedanken würden.

Die wahren Helden! Foto: Kleine Fluchten Berlin

Schlechte Nachrichten für Morgenmuffel

Start ist um 6 Uhr morgens in Eisenach. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man nur aus dem Hotelbett auf den Marktplatz kippen müsste. Aber die Übernachtungsplätze in der Lutherstadt werden offenbar nach Erbrecht vergeben. Wir sind im 50 Kilometer entfernten Bad Liebenstein untergekommen. Im Nachhinein übrigens eine perfekte Wahl. Heißt aber auch: der Wecker klingelt um 3.30 Uhr.

Was hat es mit dem Rennsteiglied auf sich?

Volkslieder sind nicht jedermanns Sache. Nicht mal dann, wenn sie zu Bodo Ramelows heimlichen Favoriten für eine neue Nationalhymne zählen. Sicher ist: Wer beim Rennsteiglied textfest ist, darf vor dem Start als eine von 2.000 Stimmen im Läuferlaienchor mitschmettern. Das kann erste Spuren von Euphorie auslösen. Wirklich.

10 Stunden laufen – ist das nicht langweilig?

Komischerweise überhaupt nicht. Vielleicht liegt es an der meditativen Kraft der immer gleichen Bäume. Vielleicht gilt es aber auch nur für Leute wie mich, die Asphalt gewohnt und deshalb jeden Stein und jede Wurzel persönlich begrüßen müssen. Trittsichere Läufer ‒ ja, die Wahrscheinlichkeit, ausschließlich von Männern umgeben zu sein, ist statistisch gesehen hoch ‒ kommen schnell ins Plaudern. Das sorgt für Unterhaltung.

Worüber Supermarathonis zwischen Eisenach und Schmiedefeld am liebsten sprechen? Natürlich über Ultraläufe! Solche, die noch vor ihnen liegen (in drei Wochen 100km Biel), die sie schon mal geschafft haben (100 Meilen von Berlin!) oder die sie garantiert nie laufen werden (875 km von Sydney nach Melbourne). Wahlweise auch über den geliebten Rennsteig, den sie schon (hier beliebige Zahl zwischen 1 und 46 einsetzen) Mal gelaufen sind. Gut, das bietet vielleicht keinen Gesprächsstoff für den ganzen Riemen, aber ehrlich: ab Oberhof kämpft sowieso jeder für sich allein.

Durststrecke und Hungerast?

Die meisten Mägen reagieren ausgesprochen säuerlich auf Arbeitsaufträge während des Laufs. Wie beugst du also am besten einem Hungerast vor? Ein Patentrezept gibt es nicht. Da hilft nur testen, trainieren, verwerfen, kreativ sein, hoffen. Tee und Cola sind bei mir ein Garant für Durchfall und Seitenstechen. Wurststulle und Thüringer fallen aus – Vegetarierin. Köstritzer? Ähm, nein! Die besten Erfahrungen habe ich ganz klassisch mit Haferschleim, Nüssen, Bananen, Äpfeln und Gel in knapp dosierten Mengen gemacht. In meine Trinkflasche kommt nur Wasser. Klingt asketisch? Ist es auch. Dafür kannst du in der Woche nach dem Lauf ohne Gewissensbisse rund um die Uhr essen.  

Stoffwechsels Kreislauf

Noch so eine der meistgestellten Fragen: Was macht frau, wenn sie das Wasser, das sie über Stunden aus der Trinkflasche genuckelt hat, wieder loswerden muss? Dixi-Klos? Fehlanzeige. Einfache Erkenntnis: Menschen, die viel schwitzen, sind im Vorteil – Wasser rein, Schweiß raus. Alle anderen sind froh über die Tannen im Thüringer Wald.

Was ist schlimmer: bergauf oder bergab?

Bergab! Der steile Abstieg am Inselsberg, den ich 2018 noch übermütig und in vollem Tempo ins Tal galoppiert bin, entscheidet darüber, ob du am nächsten Tag ohne Gehhilfe aus dem Bett kommst. Ich weiß, wovon ich spreche! Dagegen werden die Anstiege mit jedem Kilometer mehr zum Freund, weil sie Gelegenheit für Gehpausen bieten. Gilt natürlich nicht für ambitionierte 6-Stunden-Läufer.  

Leid der Begleiter

Jetzt müsste ich eigentlich mein Mann zu Wort kommen. Er lässt ausrichten: „Ein anständiger Begleiter braucht Orientierungsvermögen (Thüringer Wald und so…), Nerven (Hochburg der Straßensperrungen!), Humor (um sich und die Läufer bei Laune zu halten) und einen großen Rucksack (gefüllt mit Verpflegung von A wie Apfelschorle bis Z wie Zinksalbe).“ Am Ende des Tages ist schwer zu entscheiden, wer den härteren Job hat: Läuferin oder Begleiter.

Das schönste Ziel der Welt…

Klingt kitschig, ist aber so. Vielleicht ist Schmiedefeld nicht gerade die Perle des Thüringer Walds, aber eben das Ziel des Supermarathons. Und das macht den Ort zum Elysium für jeden Rennsteigläufer. Uneingeschränkt. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen als: Dopamin, Adrenalin, Endorphin, Tal der Tränen, Insel der Seligen!

#demRENNSTEIGdieTREUE

Am Ende sind Läufer wie Kinder – sie können einfach nicht aufhören. Gefühlt liegt die Quote der Novizen auf dem Rennsteig deshalb wohl bei unter ein Prozent. Mich hat noch kurz vor dem Ziel ein Urgestein mit 40 Teilnahmen überholt. Kurz: Wer einmal dabei war, trägt die Sehnsucht im Herzen: #demRENNSTEIGdieTREUE.

10:03:38 h. Done.

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