Die Magie der ersten Frühlingssonne

Pünktlich zum meteorologischen Frühlingsanfang gleißt die Sonne ungebremst vom Himmel. Spendiert den kahlen Ästen dunkle Schlagschatten, die den Parkweg in ein wildes Marmormuster tauchen. Die Natur – noch winterkarg – leuchtet wie ein Nordeuropäer an seinem ersten Strandtag auf Mallorca.
Alles stürmt und drängt nach draußen, ob mit Strickschal oder kurzer Hose. Nach den langen, kalten Wochen ist kein Halten mehr. Vielleicht lassen sich schon die ersten Kraniche blicken?

Rundwanderung ab Buch
Wir sind vom S-Bahnhof Buch aufgebrochen und folgen der Panke durch den Schlosspark, vorbei an der barocken Schlosskirche mit ihrer strahlend goldenen Turmkugel. Das Schloss selbst wurde schon in den 1960ern nach jahrelangem Leerstand gesprengt.
Über den Panke-Radweg, auf den wir hinter dem Park einbiegen, brausen pausenlos E-Bikes an uns vorbei wie ein überlanger Güterzug. Jackenzipfel flattern im Wind. Im Gänsemarsch stapfen wir in Richtung Paketal. Später am Tag werden wie das Flüsschen südlich von Buch wiedertreffen.
Früher Kloake, heute Renaturierungsprojekt
Kurz vor der Berliner Landesgrenze biegen wir in das Ausstichgelände Röntgental ab, ein Naturschutzgebiet, das einen – freundlich formuliert – recht ruppigen Charakter hat. Nach einer schnurgeraden Durststrecke auf der Skater-Piste an der Schönerlinder Straße erreichen wir endlich die „Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde“, ein länderübergreifendes Renaturierungsprojekt mit Wäldern, Wiesen, Teichen und Fließen, das von Rindern und Pferden auf tierische Art gepflegt wird.
Die Rieselfelder rund um Berlin sollten seit dem späten 19. Jahrhundert das drängende Abwasserproblem der wachsenden Metropole lösen. Und taten es auch, allerdings mit beträchtlichen Folgen für die Natur. Erst ab den 1960er Jahren wurden die mittlerweile versauerten und mit Schwermetallen belasteten Rieselfelder allmählich zurückgebaut und durch Kläranlagen ersetzt.
Heute erholt sich die weite, unbebaute Landschaft allmählich. Rund um den „Parkplatz der Steine“ säumen über hundert Skulpturen den Wanderweg. Sie sind Teil eines europaweiten Friedensprojekts, das auf den jüdischen Maler und Bildhauer Otto Freundlich zurückgeht. Otto, einer der ersten Vertreter abstrakter Kunst, wurde 1943 von den Nazis verhaftet und vermutlich im KZ Sobibór ermordet. Ein Denkmal erinnert an ihn.
Landschaft mit Biss und Brummis
Weiter geht es durch das halboffene Lietzengrabengebiet am Seegraben entlang, der in die Bogenseekette mündet. Die drei tiefergelegenen Waldseen liegen im Schatten und sind noch mit einer dicken Eisschicht überzogen. Am Himmel hört man tatsächlich Kraniche trompeten. Hinter dem Karpfenteich, dem südlichsten See der Kette, hat sich eine Gruppe langhörniger Rindviecher fotogen zwischen den Bäumen drapiert. Der Anblick der massigen Tiere in der tiefstehenden Sonne könnte magisch sein, wäre nicht das Grollen und Rumpeln der Brummis auf der nahegelegenen Autobahn, das jeden Anflug von Wildnisromantik im Keim erstickt.

Erst am Querweg zwischen den Karower Teichen wird es ruhiger. Von der Aussichtsplattform am Ententeich schweift unser Blick über das blass schimmernde Seegras am anderen Ufer. Davor stakst ein Reiher unbeholfen über das schmelzende Eis. Zwei Gänse gleiten im Tiefflug über ihn hinweg und schnattern, als würden sie sich über ihn lustig machen. Die Kraniche haben sich offenbar noch nicht zum Bleiben entschieden.

Hin und weg: Mit der S2 zum Bahnhof Berlin-Buch (ca. 20 Minuten ab Gesundbrunnen).
Strecke: Der Rundwanderweg verläuft nahezu durchgängig auf Park- und Wanderwegen. Die ersten und die letzten Kilometer sind stadtnah und teils verkehrslärmbelastet. Zwischen Bogeenseekette und Karower Teichen verläuft die Autobahn – das ist leider nicht zu überhören. Länge: 16 Kilometer.