Schrille Witwen und brennende Puppen – Wie Ecuador das neue Jahr begrüßt

Otavalo, die quirlige Provinzmetropole, die nahe der kolumbianischen Grenze mitten in den Anden liegt, ist bei Ecuadorreisenden vor allem wegen ihres farbenprächtigen Marktes beliebt. An jedem Samstag strömen die Indígenas, in traditionelle Trachten gekleidet, aus den umliegenden Dörfern auf die „Plaza de Poncho“, um ihre handgewebten Decken, Alpakaschals und Keramiken zu verkaufen. Dann platzt die Stadt regelmäßig aus allen Nähten.

Der größte Handwerksmarkt im Norden von Ecuador findet jeden Samstag in Otavalo statt, auf der Plaza de Poncho - Nomen est omen. Foto: Kleine Fluchten Berlin
Der größte Handwerksmarkt im Norden von Ecuador findet jeden Samstag in Otavalo statt, auf der Plaza de Poncho – nomen est omen. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Kaum zu glauben, dass dieser Andrang noch zu toppen ist. Doch Maria, die Tochter unserer Gastgeber im gemütlichen Hostal Dona Esther hatte uns vorgewarnt, als wir am Morgen unsere heiße Schokolade im tropisch bewachsenen Innenhof genossen. „Wundert euch nicht, heute sind die Otavaleños ein bisschen verrückt und rund um die Uhr auf den Beinen“, sagte sie und lächelte vielsagend.

Es ist der 31. Dezember 2013, Silvester, und in der Calle Juan Montalvo vor dem Hostel herrscht schon in aller Frühe aufgekratztes Treiben: Jugendliche mit neonfarbenen Perücken und rosa Zuckerwatte schlendern giggelnd durch die Straßen. Die fliegenden Händler haben über Nacht ihr Sortiment auf Gummibrüste, Luftballons und Masken umgestellt.

Handbemalte Masken
Die garstige Schwiegermutter? Der verhasste Premier? Oder der mobbende Arbeitskollege? Die Straßenhändler in Otavalo haben für jede Figur das passende Gesicht. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Ein Hauch von Karneval liegt in der Luft. Auch deshalb, weil an diesem Tag Tausende von maskierten Gestalten die Innenstadt belagern. Sie sind auf Autodächern festgezurrt, hocken in Hauseingängen und lehnen an Laternenpfählen – lebensgroße Puppen aus Holz, Draht und Pappmaché. Selbst am Kühlergrill des Müllwagens prangt eine Galionsfigur. Manche stellen Prominente oder Politiker dar, andere den ungeliebten Nachbarn oder die nervige Kollegin.

 

Ano Viejo
Cruisen am Silvestermorgen. Foto: Kleine Fluchten Berlin
Pappmaschéfigur
Ein Schlückchen für das gute Leben – Año viejo. Foto: Kleine Fluchten Berlin
Ano viejo
Polizisten sind nicht gerade beliebt in Ecuador… Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine lateinamerikanische Silvestertradition besagt nämlich, dass man sich seiner Sünden und Vergehen aus dem alten Jahr entledigen kann, indem man sie kurzerhand einer selbstgebastelten Pappfigur aufbürdet, die das „Año viejo” symbolisiert. Die meisten Puppen tragen deshalb Schilder, auf denen gute Wünsche oder reumütige Beichten prangen.

Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt die Innenstadt zu schäumen. Pickups und Luxuskarossen quälen sich durch die rappelvollen Straßen wie Eisbrecher durch meterdickes Packeis, begleitet vom Wummern monströser Soundsysteme, die auf provisorischen Bambusgerüsten thronen. Traditioneller Pasillo mischt sich mit ecuadorianischem Pop und dröhnendem Techno zu einer infernalischen Lärmkulisse, die unsere Ohren zum Klingen bringt.

Alle paar Meter werden die Autos von wild tanzenden Männern in Frauenkleidern und schrillen Kostümen gestoppt, passieren dürfen die Fahrer nur gegen Zahlung einer angemessenen Summe Centavos. Die „Viudas“, die Witwen, gehen auf eine andere südamerikanische Tradition zurück: Am Silvesterabend zogen sie einst durch die Dörfer, um ihre Mitmenschen um Unterstützung zu bitten. Heute dient der Wegzoll den One-Night-Transvestiten eher dazu, ihren alkoholischen Nachschub zu sichern.

Viudas
Wenn die Viudas tanzen, geht es auch schon mal deftig zu: Wer nicht zahlt, wird von der Meute eingekreist. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Doch obwohl der Promillepegel langsam steigt, wirkt die Atmosphäre friedlich. Vielleicht, weil Feuerwerkskörper in Ecuador nicht frei verkäuflich und deshalb selten sind. Während der Countdown abwärts zählt, werden die Años viejos an jeder Kreuzung zu Scheiterhaufen aufgetürmt. Und um Mitternacht, wenn in Deutschland die Böller explodieren, gehen in Ecuador die papiernen Sündenböcke in Flammen auf. Und wer sicher gehen will, dass sich alles Schlechte zusammen mit dem alten Jahr in Rauch auflöst, setzt zum Sprung über das Feuer an.

Silvesterfeuer in Otavalo
Wenn das alte Jahr in Flammen erst aufgegangen ist, feiert es sich noch unbeschwerter. Nach Mitternacht verlagert sich die Party allerdings in die Häuser. Foto: Kleine Fluchten Berlin

 

Hin und weg: Otavalo liegt etwa 60 Kilometer nördlich der ecuadorianischen Hauptstadt Quito und ist von dort auch leicht mit dem Bus in etwa zwei Stunden zu erreichen. 

Lage: Otavalo in der Provinz Imbambura auf Google Maps.

 

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