Unterstützer gesucht: Amsterdam-Berlin soll Fernradweg werden

Natürlich kann man auch heute schon mit dem Fahrrad von Amsterdam nach Berlin fahren – nur einen offiziellen Radweg gibt es bisher nicht. Ein echtes Manko, wie Reinhard Niewerth findet. Schließlich führt die rund 850 Kilometer lange Strecke zwischen den beiden europäischen Metropolen durch abwechslungsreiche Landschaft und lebendige Städte, schwärmt der radbegeisterte Braunschweiger. Deshalb hat er sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Amsterdam-Berlin soll Fernradweg werden. Dafür sucht Niewerth Unterstützer. Ich habe mit ihm über sein Projekt gesprochen.

Amsterdam
Sehnsuchtsort für Tourenradler: Amsterdam. Fotos: Reinhard Niewerth

Für viele Fernradler gehört das Navi heute zur Standardausrüstung, im Netz sind Tausende Tourenbeschreibungen zu finden. Was bringt es, wenn eine Strecke offizieller Fernradweg wird?

Wenn das Radwegenetz in Deutschland so hochwertig und engmaschig ausgebaut wäre wie in den Niederlanden, würde sich das Projekt erübrigen. Aber als Radtourist kann du in Deutschland böse Überraschungen erleben, wenn du dich auf das Navi oder auf private Tracks aus dem Internet verlässt – dann radelst du schon mal kilometerweit auf hässlichen Radwegen an stark befahrenen Bundesstraßen, über zermürbendes Kopfsteinpflaster oder schlecht befestigte Wegstrecken.

In Deutschland fehlt vielerorts der politische Wille, flächendeckend „niederländische Radverkehrsverhältnisse“ zu etablieren. Solange sich das nicht ändert, ist eine Bündelung ausgewählter Strecken immerhin die zweitschönste Lösung. Wenn eine Route als offizieller Fernradeweg klassifiziert ist, stehen die Chancen für einen Ausbau gut. Der Ausbauzustand wiederum ist eine Voraussetzung dafür, dass die Radtouristen einen Weg auch annehmen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, ausgerechnet die Strecke von Amsterdam nach Berlin zu planen?

Das war purer Zufall: Ich hatte 2011 eine Fahrradtour für Kollegen zu organisieren, die von Braunschweig über Magdeburg nach Berlin führen sollte. Bei meinen Recherchen für die Streckenführung bin ich auf den West-Ost-Radweg gestoßen, der als Fernradweg N10 geplant war, aber nie realisiert wurde. Die Straßen und Wege, auf denen er verlaufen sollte, existieren aber durchgehend und sind mit geringen Einschränkungen gut befahrbar. Es fehlt nur die Beschilderung und deshalb ist der Weg in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.

Meine Neugier war geweckt. Den westlichen Abschnitt von Braunschweig bis an die niederländische Grenze nach Bad Bentheim, der in alten Karten noch verzeichnet ist, habe ich später mit meiner Familie erkundet. Von dort bis nach Amsterdam ist es nicht mehr weit.

So ist die Idee entstanden. Erst nach und nach wurde mir klar, welche touristisch attraktiven Städte sich zwischen Amsterdam und Berlin aneinanderreihen. In den Niederlanden sind das z.B. Amersfoort, Apeldoorn, Deventer und Enschede und auf deutscher Seite Bad Bentheim, Osnabrück, Minden, Hannover, Braunschweig, Helmstedt, Magdeburg, Brandenburg und Potsdam. Diese Städte bieten sich als interessante Etappenziele an.

AmersfoortHelmstedtNordgermersdorf

 

 

 

 

Welcher Abschnitt ist dein Favorit und warum?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Die Strecke Amsterdam-Berlin hat vielleicht keine so spektakulären Höhepunkte wie das Elbsandsteingebirge, dafür sind die Landschaften sehr idyllisch und abwechslungsreich: Moore, Heide, Dünen, Wälder, Kulturlandschaft – es ist alles dabei. Die niederländischen Abschnitte haben für mich die Nase vorn, wegen des Flairs von Städten wie Amsterdam, Amersfoort oder Deventer, der meist vorbildlichen Wegequalität und der überzeugenden Radverkehrsinfrastruktur.

Du hast unter bike-amsterdam-berlin.info eine Website für dein Projekt aufgesetzt. Was ist darauf zu finden und wie kann man dich unterstützen?

Die Homepage beschreibt die aktuell geplante Streckenführung und stellt verbesserungswürdige Teilstrecken zur Diskussion. Informationen über Sehenswürdigkeiten und empfehlenswerte Abstecher machen Appetit, schon heute einfach loszuradeln. Dafür biete ich auf der Seite auch kostenlose gpx-Tracks zum Download an.

Umgekehrt freue ich mich über Tipps von Ortskundigen zur optimalen Streckenführung, sowohl für die Hauptstrecke wie auch für die Abstecher. Vielleicht wird über die Website ein niederländischer Muttersprachler auf das Projekt aufmerksam, der Spaß hat an der Übersetzung der Texte? Unterstützen kann man das Projekt außerdem, indem man die Idee weiterträgt, gerne auch an politische oder behördliche Entscheidungsträger.

AltenhausenLogoBerlin

 

 

 

 

Welche Hürden sind als nächstes zu nehmen? Und wer vergibt am Ende das Prädikat „Fernradweg“?

Wenn sich mein Projekt auf ein oder zwei Landkreise beschränken würde, wäre das Vorgehen übersichtlich. Beim Fernradweg Amsterdam-Berlin müssen aber allein auf deutscher Seite fünf Bundesländer, zahlreiche Landkreise und Kommunen mitziehen. Ein länderübergreifender Fernradweg bekommt nur offiziellen Status, wenn er in das deutsche D-Routennetz aufgenommen und im Nationalen Radverkehrsplan der Bundesregierung verankert wird. Das sind mir im Moment zu viele Türklinken, die ich putzen müsste – zumal ich das Projekt ausschließlich in meiner Freizeit betreibe.

Deshalb konzentriere ich mich auf die Optimierung und Erkundung der Strecken und versuche, die Idee nach dem Schneeballprinzip weiterzutragen. Meine Hoffnung ist, dass sich Politik und Verwaltung des Themas annehmen werden, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit wächst.

Was treibt dich an, so viel Zeit und Energie in dein Projekt zu stecken?

Ich engagiere mich für die Förderung des Radverkehrs als zukunftsträchtiges Verkehrsmittel, wo immer sich die Gelegenheit dafür bietet. Dabei stehen für mich Verbesserungen für Fahrradpendler in den Städten und im Umland von Städten im Vordergrund – radtouristische Themen wie der Fernradweg Amsterdam-Berlin sind eher ein Nebenprodukt.

Auf meinen Erkundungsfahrten lerne ich viel darüber, wie man Radverkehr sinnvoll gestalten kann. So gesehen mache ich auf meinen Fahrten Bildungsurlaub auf zwei Rädern. An der frischen Luft mit einem Bewegungspensum, das unser nach wie vor steinzeitprogrammierter Körper eigentlich täglich haben will – statt Schreibtisch und Fernsehsessel. Es macht einfach Spaß!

Noch eine Frage, die die Lokalpatriotin in mir verrät: Warum hast du den Radweg eigentlich nicht Berlin-Amsterdam genannt?

Mit Patriotismus jeglicher Couleur habe ich so meine Probleme, aber ich weiß, was du meinst ;-)… Ich habe tatsächlich eine Weile mit mir gerungen, welche Reihenfolge ich wähle. Damit legst du ja eine Fahrtrichtung nah.

Unter psychologischen Aspekten ist es schöner, im Schlaraffenland anzukommen, als es hinter sich zu lassen. Was Fahrradfreundlichkeit angeht, sind die Niederlande einfach unübertroffen. Also 1:0 für Berlin als Startort. Andererseits sind wir gewohnt, von links nach rechts zu lesen, vieles erscheint uns in dieser Richtung leichter, das gilt auch für das Lesen von Landkarten: 1 Punkt für Amsterdam als Startort – Gleichstand.

Ausschlaggebend war schließlich die Wetterstatistik: Auf der Strecke sind viel häufiger westliche Winde zu erwarten als östliche. Wer radelt nicht lieber mit dem Wind in Rücken? 2:1 für Amsterdam als Startort! Und das mit dem Schlaraffenland kriegen wir in Deutschland auch noch hin…

NiewerthReinhard Niewerth ist als Elektroingenieur bei einem Elektrokonzern in Braunschweig angestellt und zurzeit freigestellter Betriebsrat. Im Alltag fährt er fast ausschließlich Fahrrad. Und weil ihn die Benachteiligung von Fahrrädern im Straßenverkehr stört, engagiert er sich ehrenamtlich für die Radverkehrsförderung und versucht, seinen Arbeitgeber zur Einführung eines Betrieblichen Mobilitätsmanagements zu bewegen.  www.bike-amsterdam-berlin.info

 

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