Anbaden auf dem 66-Seen-Wanderweg – von Wendisch Rietz nach Oderin

Mehr Wanderglück geht nicht: Wiesen und Wälder strotzen vor Kraft wie ein paar Halbstarke in der Dorfdisko. Saftiges Grün in allen Schattierungen. Die Sonne knallt vom schwimmbadblauen Himmel und die Wassertemperatur in Brandenburgs Seen liegt bei flauschigen 18 Grad. Gerade erst haben die Campingplätze nach langer Corona-Pause wieder geöffnet, aber der Ausflugsverkehr hält sich dank Vorferienzeit noch in Grenzen. Das alles zusammen macht diese zwei Etappen auf dem 66-Seen-Wanderweg von Wendisch Rietz nach Oderin zu einem Outdoor-Kurzurlaub mit Genussgarantie.

Schöner baden am Springsee

Wir gönnen uns einen sanften Einstieg und wandern nach Feierabend die ersten sieben Kilometer vom Scharmützelsee am Bahnhof Wendisch Rietz entlang der Glubigseenkette zum Springsee. Der Naturcampingplatz am Springsee, der sich fast am gesamten östlichen Ufer entlangzieht, ist zwar fest in Dauercamperhand, aber auf dem terrassierten Gelände gibt es auch für Tagesgäste noch schattige Zeltplateaus mit Blick auf den glitzernden See. Und nicht nur das: Das klare, weiche Seewasser verführt sogar Badeprinzessinnen wie mich zu einer Runde zwischen Haubentauchern und Blesshühnern, die stoisch ihr Revier durchpaddeln ‒ motorisierter Bootsverkehr ist hier tabu.

Naturcamping am Springsee

Einstieg in den Unterspreewald

Am nächsten Tag folgen wir der Seenkette weiter nach Süden, vorbei am Großen und Kleinen Melangesee, Grubensee und Godnasee – allesamt verschwiegene Perlen, umgeben von nicht viel mehr als Wald und Schilf – via Alt-Schadow zum Neuendorfer See. Der Wanderweg führt teils über verschlungene Waldpfade und Forstwege, seltener über befestigte Straße oder Panzerplatte, oft unmittelbar am Ufer entlang. Wer keine Menschenseele um sich mag, ist hier verdammt richtig.   

Etwas trubeliger geht es erst wieder rund um Neuendorf am See zu, dem Tor zum Unterspreewald. Die Region ist Feriendomizil und das kleine Örtchen ein beliebter Stopp auf dem Gurkenradweg. Am südöstlichen Ufer des Sees drängeln sich aufgehübschte Bungalows, zu DDR-Zeiten ein Ferienlager für Mitarbeiter der Betriebe aus dem Umland. Wer die Extrameile nicht scheut, sollte einen Abstecher auf die Halbinsel Sölla machen. Als Teil des Landschaftsschutzgebiets ist sie gänzlich unbebaut und lädt mit schattigen Plätzchen im baumbestandenen Uferstreifen zum Träumen ein.

Zelten mit Spreeblick

Entspannt, besonders unter der Woche, geht es auch auf dem kleinen Wasserrastplatz von Neuendorf zu. Die schöne Zeltwiese liegt direkt am Spreeufer nahe der Einmündung in den Neuendorfer See – ein begnadetes Plätzchen für laue Sommerabende am Lagerfeuer oder ein kühles Bad nach einem langen Wandertag. Von Neuendorf aus führt die Route noch einmal fünf bis sieben Kilometer auf öden, gepflasterten Straßen nördlich oder südlich der Spree nach Leibsch, dem offiziellen Ende dieser Etappe auf dem 66-Seen-Wanderweg. Eine Herausforderung, die wir uns für den nächsten Tag aufheben.

Seensammeln im Unterspreewald

Nach einer zähen Ortsdurchquerung auf der Hauptstraße durch Leibsch verläuft der Pfad für die nächsten fünf Kilometer schnurgerade durch plattes, kanaldurchsetztes Wiesenland, das Gemütsmenschen mit großer Lust am Weitblick gefallen dürfte. Wer anders tickt, wechselt besser von der trostlosen Panzerplatte auf den unbefestigten Weg auf der Deichkuppe, denn auf dem Dahme-Umluft-Kanal sorgen wenigstens ein paar Paddelboote hin und wieder für Abwechslung. Von den Feuchtwiesen zweigt die Route ab durch den Wald nach Köthen. Ab dem Ortsschild sind es allerdings noch einige Kilometer über asphaltierte Straße bis zum alten Dorfkern, der einst eine Halbinsel bildete.

Das beschauliche Dörfchen mit seinem famosen Badeplatz geht auf eine Siedlung aus dem 8. Jahrhundert zurück. Wendische Fischer und Bauern errichteten damals ihre Häuser auf Holzpfählen, auch „Koten“ genannt, mitten im Sumpf. Daher der heutige Ortsname. Köthen ist Ausgangspunkt für eine lauschige Runde um die Heideseen, eine romantische Seenplatte, vor 20.000 Jahren von Gletschereis geformt. Geblieben sind sechs moorige, naturbelassene Seen, versteckt im verwunschen Erlenbruchwald – leider auch ein feuchtfröhliches Mücken-El-Dorado.

Zurück auf Höhe des Köthener Sees biegen wir scharf nach Westen ab und stapfen wacker eine gute Stunde durch märkischen Sand und Kiefernwald zum Bahnhof Oderin. Am Horizont grüßt die Cargolifter-Halle von Brandt, in der ein malaysisches Unternehmen für satte Eintrittsgelder Tropenfeeling simuliert. Nach 15 Bilderbuchseen, viele davon mit Eins-a-Badequalität, ein absurdes Angebot. Denn mehr Wanderglück geht einfach nicht.  

Strecke: Rund 48 Kilometer von Wendisch Rietz nach Oderin über Wanderwege mit ein paar Straßenabschnitten, passiert 15 Seen und unzähligen Badestellen, weitere Seen im Hinterland (Tour 12 und 13 des 66-Seen-Wanderwegs). Variationen: Ausstieg über Halbe oder Brandt. Zur Route auf

Google-Maps

Hin und weg: Ab Berlin-Ostkreuz mit der RB 24 und der RB 36 nach Wendisch Rietz, zurück ab Bad Oderin mit der RB 24, Fahrtzeit Hinfahrt 1:12 Stunde, Rückfahrt 46 Minuten.

Buchtipp: 66-Seen-Wanderung. Zu den Naturschönheiten rund um Berlin, Manfred Reschke, Berlin 2020

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