100 Meilen Erinnerung – Mauerweglauf 2021

„Und? Was hat dich auf dem Mauerweglauf bisher am meisten bewegt?“ Uli lässt sich neben mich in den Klappstuhl fallen und sieht mich erwartungsvoll an. Mein Kopf ist hohl. Offensichtlich stimmt es, dass das Hirn bei langen Läufen schrumpft. „Der Start?“, stottere ich, weil ich mich vage erinnere, dass mir an der Startlinie im Jahn-Sportpark die Tränen über die Wangen gerollt sind. Wir sitzen vor dem grell angestrahlten Grenzturm Nieder Neuendorf, Verpflegungspunkt 19. Uli Etzrodt, der hier am „VP“ das Sagen hat, trägt eine kurze Hawaiihose, ich eine funzelige Lampe vor der Stirn. Es ist Samstag, der 15. August 2021, kurz nach Mitternacht.

Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon 123 Laufkilometer in den Beinen und 18 Stunden, 38 Minuten auf der Uhr hatte. Heute würde ich Ulis Frage anders beantworten. Ich würde sagen, dass der Berliner Mauerweglauf ein einziges bewegendes Once-in-a-Lifetime-Erlebnis ist. Nicht nur, weil die Strecke von gut 100 Meilen (161,2 Kilometer) selbst langjährigen Ultraläufern alles abverlangt, weil der Lauf vorbildlich organisiert ist und von 400 leidenschaftlichen Freiwilligen getragen wird. Sondern auch, weil man auf jedem Meter Spuren deutscher Geschichte begegnet.   

„Ihr habt die Freiheit zu laufen!“

Der Mauerweglauf schlängelt sich ausladend einmal rund um das frühere West-Berlin herum und folgt dabei fast durchgehend dem ehemaligen Grenzstreifen. Entlang der Strecke erinnern 140 schlanke Mauerstelen an die Menschen, die an der Berliner Mauer gestorben sind. Mauerreste, Grenztürme, Mahnmale, Ausstellungen, Schautafeln, Museen und Gedenkstätten erzählen Geschichten aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung. 

In diesem Jahr begeht der Lauf ein besonderes Jubiläum: Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, am 13. August 1961, riegelten DDR-Grenzsoldaten West-Berlin ab, zogen Drahtverhaue und provisorische Mauern hoch, die schon bald zu einer der perfidesten und undurchlässigsten Grenzanlagen der Welt ausgebaut werden sollten.

Die milde Morgensonne streichelt die rote Tartanbahn im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Bis in die 1990er-Jahre kickte gleich nebenan im Stadion Erich Mielkes Stasi-Club, der BFC Dynamo.

Es ist kurz vor sechs Uhr und gemächlich strömen die buntbekleideten Läufer – mehr Männer als Frauen – in den Startkorridor. Abstand. Maske. “Niemand hat die Absicht, 100 Meilen zu laufen”, ist auf vielen Shirts zu lesen. Die meisten tun es doch.

382 Einzelläufer trauen sich auf den Rundkurs, die schnellsten werden in 14 Stunden wieder ins Stadion einlaufen, einige werden das Ziel nicht erreichen. Egal, denn wer hier auf der Bahn steht, hat über Monate hunderte Trainingskilometer gesammelt und längst gewonnen. „Ihr habt die Freiheit zu laufen!“, verabschiedet uns der Stadionsprecher.

Von Prenzlauer Berg nach Sacrow

Das Feld ist noch dicht, als es die Bernauer Straße hinuntergeht, vorbei an der Gedenkstätte Berliner Mauer mit der letzten vollständig erhaltenen DDR-Grenzanlage. Ein paar Kilometer weiter passieren wir das heutige Bundeswehrkrankenhaus – zu DDR-Zeiten wurden hier viele „Republikflüchtlinge“ eingeliefert, die bei ihrem Fluchtversuch verletzt oder sogar getötet worden waren. Nicht weit entfernt am Schifffahrtskanal: der Wachturm mit der Günter-Litfin-Gedenkstätte. Günter Litfin war das erste Maueropfer, er wurde im August 1961 im nahe gelegenen Humboldthafen auf der Flucht erschossen. Schon in Sichtweite: der Reichstag.

Am Checkpoint Charlie, dem Ort, an dem sich 1961 russische und amerikanische Panzer kampfbereit gegenüberstanden, erwartet uns der erste Verpflegungspunkt. Kreuzberg durchqueren wir im Flug. Ich bin zu schnell und schwitze. Stau an der Eastside Gallery, Fotostopp für viele. Mich treibt es weiter, weil das bunt bemalte Mauerstück an der Spree erbarmungslos der Sonne ausgesetzt ist. Das Tempo wird sich rächen.

Bei Kilometer 29 macht die Läufergemeinschaft halt. Traditionell wird auf jedem Mauerweglauf ein Maueropfer besonders geehrt. In diesem Jahr ist es Dieter Berger, ein Maurer, der 1963 versehentlich ins Grenzgebiet geriet und erschossen wurde. Wer mag, pinnt seine Gedanken auf eine Tafel neben der Teltower Brücke.

Nächste Station: Dörferblick. Trümmerhalde, Müllberg, mit 85 Metern eine der höchsten Erhebungen Berlins und zur Zeit der Teilung ein bei West-Berlinern beliebter Ausflugsort, der Weitblick über Mauer und Grenzgebiet bot. Nach dem Aufstieg brennen mir die Oberschenkel. Erst 34 Kilometer – wie soll das nur weitergehen? Nach innen blicken.

Südlicher Mauerweg bei Teltow, Kirschblütenallee
Mauerweg an der Kirschblütenallee in Teltow

In Teltow triumphieren heute 1.000 japanische Kirschbäume über die Tristesse des ehemaligen Grenzstreifens. Jedes Jahr im Frühling wird hier das Kirschblütenfest gefeiert. Für mich ist die Allee vor allem Vorbote für den ersten Wechselpunkt, wo meine Fahrradbegleitung einsetzen wird. Gut ein Drittel der Strecke liegt hinter mir.

Danach wird es kaum leichter, sieben Kilometer hügelige Schotterpiste durch den Duppeler Forst gehen an die Substanz. Kurze Verschnaufpause an der Gedenkstätte Griebnitzsee und weiter geht’s. Glienicker Brücke, Schauplatz des Austauschs hochrangiger Agenten im Kalten Krieg. Schloss Cecilienhof, wo die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs 1945 bei der Potsdamer Konferenz den Grundstein für die Spaltung Europas legten. Ab hier beginnt der landschaftlich schönste Teil des Mauerwegs.

In Sacrow endlich ist mehr als die Hälfte geschafft: 91,2 Kilometer – „Umkehren wäre jetzt auch blöd“, um ein beliebtes Läufermotto zu zitieren. Aber ohne meinen Fahrradsupport hätte ich längst die Laufschuhe geschmissen. Im Schlosshof, wo sich heute die Läuferinnen und Läufer auf die Nacht vorbereiten, wurden zu DDR-Zeiten Spürhunde ausgebildet; die nahe gelegene Heilandskirche mit ihrem markanten Backsteinturm verfiel.

Von Sacrow nach Prenzlauer Berg

Langsam sinken die Temperaturen auf ein läuferfreundliches Maß und das legendäre VP-Highlight „Pagels & Friends“ kurz vor Kilometer 100 lockt. Das familiengeführte Läuferparadies in Groß-Glienicke bricht jedes Jahr alle Rekorde in guter Stimmung und kulinarischer Vielfalt. Und das ist nicht leicht, denn das Angebot an allen VPs kann sich locker mit dem Frühstücksbuffet eines Vier-Sterne-Hotels messen.  

Für mich ist Pagels der Knackpunkt. Als mein Magen ein Stück vom traditionellen Bienenstich akzeptiert, weiß ich, dass ich es bis ins Ziel schaffen kann. Ab Karolinenhöhe bringen wir unsere Nachtausrüstung ins Spiel: Warnweste, Stirnlampe, Fahrradbeleuchtung. Im Spandauer Forst ist es so finster, dass der Weg zum Tunnel wird. Das Läuferfeld hat sich inzwischen weit auseinandergezogen. Eine Maus raschelt im Unterholz, zwei paar Rehaugen erstarren im Licht meiner Stirnlampe. Das Laufen wird zur Meditation.

Eiskeller, Mauerstele

Freies Feld tut sich erst wieder am Spandauer Eiskeller auf, der seinem frostigen Namen in dieser Neumondnacht alle Ehre macht. Nach dem Bau der Mauer war die Wiesenlandschaft, in der vielleicht 20 Menschen auf drei Bauernhöfen lebten, eine Exklave West-Berlins mitten in der DDR. Ein 800 Meter langer Korridor verband sie mit dem Ortsteil Berlin-Spandau.

Vom VP Schönwalde aus sieht man die Lichter der nachfolgenden Läuferinnen und Läufer wie Glühwürmchen durch die Nacht tanzen. Weiter geht es durch den feucht-kalten Wald, der Verstand legt sich für eine Stunde schlafen. In dieser Phase erwischt mich Uli am Grenzturm Nieder Neuendorf mit seiner Frage.

Noch einmal richtig emotional wird es am Grenzturm Hohen Neuendorf, der heute ein Naturschutzzentrum ist. Gleich neben dem VP stehen 140 Stühle im Wald, bunt beleuchtet, jeder trägt ein Schild mit dem Namen eines Mauertoten. Wir wärmen uns ein paar Minuten an der riesigen Feuerschale neben dem Wachturm, bevor wir die letzten 23 Kilometer in Angriff nehmen.

Als wir mit der Morgendämmerung wieder in das Berliner Stadtgebiet einlaufen, beschert uns das erste Licht des Tages einen magischen Ausblick auf das tieferliegende Tegeler Fließ. Der wattige Bodennebel, aus dem vereinzelt dunkle Baumwipfel ragen, schmiegt sich ins Tal wie eine wohlige Decke. Nur noch 13 Kilometer. Beinahe schon in Sichtweite: die Bornholmer Straße mit der Bösebrücke, wo am 9. November 1989 der erste Grenzübergang von der DDR-Bevölkerung aufgestoßen wurde. Und dann, nach 24 Stunden und 50 Minuten: der Mauerpark, das Ziel – 100 Meilen Erinnerung.

Strecke: Berliner Mauerweg, 161,2 Kilometer rund um das westliche Berlin. Wer nicht laufen will, nimmt das Fahrrad. Einstiegsmöglichkeiten gibt es beliebig viele, Etappenvorschläge hier auf berlin.de.

Wer sich für den Ultralauf 100 Meilen von Berlin interessiert, findet auf www.100meilen.de alles Wissenswerte sowie die Strecke mit allen VPs.

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