Mit dem Floß los…

Einmal mit dem Floß durch die Wildnis schippern! Vier Tage. Zehn uckermärkische Seen. Immer der Havel nach. Welches Ziel könnte sich besser eignen, als die traditionelle Flößerstadt Lychen? Also nutzen wir die milden Spätsommertage und stechen bei Fürstenberg in (den) See.

floß auf dem Wasser

Schiffslatein im Schnelldurchgang

„Ab Windstärke 4 müsst ihr sofort vom Wasser“, schärft uns Stationsmanager Tom Slotta ein und fegt energisch mit der Hand über den Holztisch. Planlos linsen wir in unsere Wetterapp. Windgeschwindigkeiten sind da in Stundenkilometern angegeben. Unsere leeren Augen kommentiert Tom, noch bevor wir die Frage nach der Umrechnung stellen können, trocken: „Das müsst ihr in Erfahrung bringen!“ Kein Lachfältchen regt sich in seinem Gesicht.

Was in unserer Vorstellung eine romantische Ausfahrt werden sollte, beginnt mit gut sechzig Minuten büffeln: Runter! Rechts! Rot! Heißt so viel wie: Wer die Havel abwärts schifft, hat Vorfahrt und muss die rote Tonne auf der rechten Seite sehen. Zwei durchgestrichene Pfeile? Begegnungsverbot! Die österreichische Flagge? Hier bloß nicht reinfahren! Gelb-schwarze Kardinalzeichen? Obacht, hier wird’s wirklich brenzlig!

„Ihr glaubt nicht, wie viele Freizeitschiffe wir von den Sandbänken bergen“. Toms Kopfschütteln nach zu urteilen, müssen es eine Menge sein. Wir wollen auf keinen Fall dazugehören und werden ihm schon bald dankbar für seine strenge Blitzausbildung sein. Was ist in der Schleuse wichtig? Das Floß bloß nicht fest vertäuen! Müssen uns Paddler ausweichen? Niemals! Und wie kann ich bremsen? Überhaupt nicht!   

Die Praxis macht uns zum Glück weit weniger Probleme. Mit ein bisschen Übung gelingt uns das An- und Ablegen schon fast elegant. Sogar das Drehen auf der Stelle klappt auf Anhieb. Zum ersten Mal zeichnet sich ein Lächeln in Toms Mundwinkeln ab. „Bei euch mach ich mir keine Sorgen“, murmelt er schließlich und springt von Bord unserer „Kafu“, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ankerplatz Himmelpfort

Leinen klar!

Endlich kann das Abenteuer beginnen. Vom Baalensee tuckern wir im kleinsten Gang hinüber in den Schwedtsee. Der 10-PS-Motor nuckelt zufrieden am Benzinschlauch – eine elektrische Alternative ist im Seengebiet leider noch nicht zu haben. Am Ostufer liegt die Gedenkstätte Ravensbrück, die man aber nicht mit Hund besuchen darf. Also weiter durch die Siggelhavel in den majestätischen Stolpsee. Nur nicht zu weit links, um nicht an der Wasserskianlage zu stranden.

Hinter einer großen Landzunge könnten wir jetzt der Havel bis nach Berlin folgen, aber unser Ziel ist ja die Flößerstadt. Die Einfahrt in den Schleusengraben Himmelpfort ringt uns eine „Vorbeifahrt“ ab, bevor wir das Nadelöhr in die Lychener Gewässer entdecken. Die kleine, unbemannte Schleuse liegt hinter einer langgestreckten Kurve. Zum Glück ist es so früh am Tag, sodass wir allein ins schmale Becken flutschen und unser erstes Schleusenmanöver ohne Zuschauer absolvieren.

Im Haussee werfen wir zum ersten Mal den Anker. Damit Charlie ihre Gassi-Runden drehen und wir die motorbootfreien Seen um Lychen erkunden können, haben wir einen Kanadier im Schlepptau. Mit dem letzten Abendlicht legen wir uns rücklings auf das Floßdach und zählen andächtig die Sterne.

Paddelglück im Naturparadies

Morgens kocht die Sonne Nebelsüppchen. Eine Schwan-Familie gleitet aus dem Schilf, sobald wir in unseren Müslischälchen löffeln. Zischend und mit weit gespreizten Federn marodieren die drei ums Floß und geben die Hoffnung auf Wegzoll erst auf, als Charlie ihre Nase aus der Schlafkabine schiebt.

Auf der Woblitz dröhnt die Stille. Ein Eisvogel schießt über das spiegelglatte Wasser auf uns zu. In den Bäumen klopft ein Specht. Kurz vor der letzten Kehre geben wir Signal und schicken ein Stoßgebet an Tom. Denn wenig später verengt sich der Kanal zu einem Flaschenhals – hier will man möglichst keinem Ausflugsschiff unverhofft begegnen.

Im Großen Lychensee kurven wir gemächlich von Bucht zu Bucht, immer in respektvollem Abstand zu den drei Werderinseln und der großen Sandbank vor dem Strandbad. Am Nordufer versprüht der Schlüßhof herrschaftlichen Charme, ein historischer Dreiseithof, der heute ein Seminarhotel ist.

Hier, vor den Toren der Kleinstadt, ist der Ausgangspunkt für unsere Paddeltouren in die geschützten Lychener Gewässer. Über einen Stichkanal wasserwandern wir ohne Umtragen in den Nesselpfuhl und von dort durch das Wurlfließ in den waldumrahmten Wurlsee, der sich in Sachen Wasserqualität vor dem Stechlin nicht zu verstecken braucht.

Noch ruhiger geht es auf dem Zenssee zu, der wie ein Pfannenstiel von Lychen aus in die uckermärkische Landschaft ragt. Dazu müssen wir unseren Kanadier vom Stadtsee gut 50 Meter über die Landstraße hieven. Was folgt, ist nahezu perfekte Einsamkeit. Hinter den Bäumen am Ortsausgang von Hohenlychen ragen die Dächer der ehemaligen Heilanstalten auf, in der sich die Parkresidenz Lychen befindet. Auf halber Höhe zieht ein Biber seine Runden. Am südlichen Ufer angekommen, gleiten wir uns durch ein flaches Fließ in den mystischen Platkowsee, der gänzlich still und unergründlich den wolkenverhangenen Himmel spiegelt.

Ausstieg im Seemannsgang

Zurück auf der Kafu bahnt sich langsam Unbill an. Graue Wolken verschleiern den Himmel, für ein paar Minuten bricht sich noch die rote Abendsonne Bahn, dann frischt der Wind auf. Wir erinnern uns an Toms Mahnung und suchen fieberhaft nach einer windstillen Bucht zum Ankern. Trotzdem pustet der Wind unser Floß in der Nacht über Stunden um die eigene Achse.

Sonnenuntergang im Großen Lychensee

Auch nächsten Morgen hält die Brise an. Der Rückweg über den Stolpsee wird zum Ritt auf kabbeligen Wellen. Aber wir haben natürlich längst „in Erfahrung gebracht“: Von Windstärke 4 sind wir noch weit entfernt. Also trotzen wir dem Sprühregen, packen das Steuerrad und arbeiten uns durch den See. Zurück an Land in Fürstenberg, schwankt der Boden sacht unter unseren Füßen. Im leichten Seemannsgang – und auch ein bisschen stolz – überreichen wir Tom den Schlüssel.

Lychener Gewässer

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