Über sieben Hügel musst du gehn…

Vorurteile sind wie Schauermärchen – jeder weiß, dass man nicht daran glauben soll. Aber manchmal ist doch etwas dran. Diese schöne Rundwanderung zum Baasee südlich von Bad Freienwalde hatten wir schon lange auf dem Zettel. Aber spätestens nach dem Überfall von Nazis auf das Vielfalt-Fest im Sommer 2025 ist uns die Lust auf einen Ausflug in die traditionsreiche Kurstadt vergangen.

Blick auf den Waldsee

Nun sind wir als Berliner zunehmend von „Blaubraunland“ umgeben. Also rüber über den ersten Hügel und kein Fingerbreit dem unguten Bauchgefühl. Hügel Nummer zwei: Die Anreise. Die hübsche Kleinstadt im Oderbruch liegt zwar nur 50 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt, mit den Öffis muss man aber mindestens 1,5 Stunden Fahrtzeit pro Fahrt kalkulieren.

Hügel Nummer drei: Die Baasee-Runde ist für meinen Geschmack nur bedingt eine Four-Seasons-Tour – auch wenn sie so beworben wird. Sie verläuft ganz überwiegend durch wirklich schönen, aber meist dichten Laubmischwald. Bei tristem, winterlichem Regenwetter dürfte sich die Strecke ganz schön ziehen.

Auf dem Sieben-Hügel-Weg

Beim vierten Hügel melden sich die Waden, denn die Tourbezeichnung „Sieben-Hügel-Weg“ ist durchaus ernst zu nehmen. Am Ende werden wir 400 Höhenmeter auf der Uhr haben. Nicht ganz so sportlich wie der Gipfelstürmer, dem wir anfangs ein Stückchen folgen, aber nach einem langen Winter auf dem Sofa auch nicht ohne.

Und damit sind wir mitten in der Wanderung, die am Bahnhof Bad Freienwalde beginnt und auch dort endet. Kurz hinter dem Bahnhofsgebäude überquert man den Freienwalder Landgraben und hat einen freien Blick auf das Schöpfwerk Alttornow, das seit 1895 zuverlässig etwa 1330 Hektar Oderbruch entwässert und damit landwirtschaftlich urbar macht. 

Gebäude des historischen Schöpfwerks in Bad Freienwalde

Weiter geht es quer durch die Stadt, vorbei an hübsch sanierten klassizistischen Stadtvillen bis zum Rand des Oberbruchs. Über eine steile Treppe erreichen wir, wenn auch etwas außer Atem, zügig den Aussichtsturm auf dem Galgenberg auf 110 Metern über Null. Oben begrüßt uns eine Wasserstoff-Blondine in Tarnfleck und mit Kutte, auf der ein Aufnäher in Form eines Eisernen Kreuzes prangt. Sie lotst uns freundlich, das muss man ihr lassen, zu einem ebenso camouflierten glatzköpfigen Mann, der offenbar das Turmwärteramt übernommen hat. Wir verzichten dankend (Hügel fünf) – zumal wir die Aussicht vom 25 Meter hohen Turm schon bei anderer Gelegenheit genossen haben.

Wir folgen noch einen guten Kilometer dem Turmwanderweg, bevor wir nach Süden abbiegen. Der laubbedeckte Wanderweg verläuft über sanfte Hügel und durch dichte Wälder, die sich im hellgrünen Frühlingskleid von ihrer schönsten Seite zeigen. Im Schatten der Bäume blühen Buschwindröschen, Waldmeister und Waldsauerklee.

Wo die Wildschweine bruzzeln

Ziemlich genau auf halber Strecke erreichen wir den Baasee, verwunschen mitten im Wald gelegen. An seinem südlichen Zipfel baumelt die Traditionsgaststätte „Waldschenke“ wie ein Medaillon. Sie ist ein holzgewordener Traum brandenburgischer Behaglichkeit mit rustikalen Möbeln, historischem Tinnef und Sinnsprüchen in Baumscheiben gebrannt. Liebhaber von Wildschweinbraten, Bier und Kaiserschmarrn kommen hier auf ihre Kosten – für Veganer ist der Schmaus schwieriger. Hügel sechs.

Früher muss es einmal möglich gewesen sein, mit dem Ruderboot über das Wasser zu gleiten. Doch die Stege hinter dem Haus staken heute meterweit über dem See. Eine Badeleiter endet in der Luft. Klimawandelbedingt scheint der Wasserspiegel des nierenförmigen Waldsees dramatisch gesunken.

Ein Lehrpfad über die „Zugereisten“

Anstatt dem Hauptweg zu folgen, schwenken wir auf den schmalen dendrologischen Pfad am westlichen Ufer ein. Angelegt wurde der Lehrpfad im 19. Jahrhundert, um die Tauglichkeit „fremder“ Baumarten für die preußische Forstwirtschaft zu testen. So kam auch die knapp 50 Meter hohe Douglasie an den Baasee, die im Jahr 2000 zum höchsten Baum Brandenburgs gekürt wurde. Ein Rekord, der ihr allerdings schon gut zehn Jahre später von einer Douglasie in Lychen wieder abgeluchst wurde. Am nördlichen See-Ende lohnt sich ein letzter Blick von der überdachten Aussichtskanzel zurück auf den tief liegenden See.

Der Rückweg nach Bad Freienwalde führt durch das Brunnental. Nach etwa einem Kilometer passiert man die Hütte „Am Teller“, die mit sonnigen Sitzplätzen und einer großen Feuerstelle nicht links liegen gelassen werden will. Am Waldfriedhof Ehrenhain ziehen die ersten Kurgäste ihre Runden. Von hier ist es nicht mehr weit zum historischen Kurmittelhaus, dem Bade- und Logierhaus der preußischen Blaublütigen.

Der letzte Hügel: die 110

Hinter dem Kurpark kraxeln wir noch einmal steil hinauf und kehren auf dem Moorweg zurück zum Bahnhof. Schon aus der Entfernung stört Männergebrüll die nachmittägliche Idylle. Vor einem Haus in der gegenüberliegenden Bahnhofstraße hat sich ein stiernackiger Glatzkopf aufgebaut. Aus der Gegensprechanlage fistelt eine Frauenstimme. Unvermittelt holt der Bullige aus, zertrümmert mit der Faust das Glas der Eingangstür, langt durch den Rahmen, reißt die Tür auf und stürmt ins Treppenhaus. Bleibt als letzter Hügel die 110. 

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